Horrortrip.

Der Vigelandpark in Oslo stand neben weiteren architektonischen Sehenswürdigkeiten noch auf unserer nicht wirklich existerenden «To-Do-Liste». Kürzlich war das Wetter nicht so berauschend und wir beschlossen spontan, noch einmal gen Oslo zu fahren. Weil’s da wärmer ist und weil wir uns die über 200 Stein- und Bronzeskulpturen des Norwegischen Bildhauers gerne anschauen wollten. Was wir sahen, gefiel uns sehr, sehr gut.

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Gustav Vigeland fertigte viele Skulpturen zum Thema «Kreislauf des menschlichen Lebens» an.
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In der Mitte der über 14 Meter hohe Monolith.
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Stundenlang könnte man hier über die Bedeutung der Skulpturen philosophieren.
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Leider werden wir den Park für den Rest unseres Lebens in unguter Erinnerung haben …

Doch irgendwann haben auch die interessiertesten Kleinkinder kein Interesse mehr an traurigen, nachdenklichen und fröhlichen Steinmenschen. So beschlossen wir nach einem Zwipf und Windelwechsel im Schatten der Bäume, den riesigen Spielplatz beim Haupteingang aufzusuchen. Jakob marschierte voraus – er hat ja kein Problem damit, Bekanntschaften zu machen und hängt sich gerne und oft an den Rockzipfel hübscher kleiner Blondinen.

Wir folgten ihm mit Vincent im Wagen und sahen Jakob bald fröhlich über die endlosen Holzbrücken hüpfen und die Rutsche runterschliddern. Auch Vincent war von dem Spieleparadies sehr angetan und wollte darauf herumkrabbeln, also nahm ich ihn und liess ihn seine Erfahrungen machen, währenddem Jakob immer wieder an uns vorbeiflitzte. Bis Tom fragte: «Wo ist eigentlich Jakob?»

«Keine Ahnung», meinte ich lässig «der war eben noch hier». Nun, er war nicht mehr da. Auch einige Runden um die riesige Holz-Spiel-Konstruktion später – keine Spur von dem Buben. Ich war immer noch entspannt und begann, ihn auf den umliegenden Wiesen zu suchen – bestimmt war er da mit einem Mädchen am spielen. War er nicht. Ganz langsam breitete sich Unruhe in mir aus. Tom rannte bereits weitere Kreise um den Spielplatz und kam immer wieder zu Vincent und mir zurück, um mir zu sagen, dass er Jakob immer noch nicht gefunden hatte.

Die Unruhe wurde zur Panik. Grauenhaft, was einem da innerhalb weniger Minuten durch den Kopf geistert. Irgendein Irrer könnte den Buben geschnappt und entführt haben. Oder er liegt ertrunken in einem der zahlreichen Brunnen im Park. Oder er lief auf die Strasse und irrt nun in Oslo herum, wenn er nicht bereits von einem Auto erfasst wurde. Er ist doch überhaupt nicht angeschrieben! Und er spricht die Sprache nicht! Und er ist noch so klein! Ist er bereits tot? Oder brüllt er irgendwo in einem Kofferraum? Was, wenn wir nur noch mit einem Kind aus dem Urlaub zurückkehren? Werde ich ihn jemals wiedersehen? Was waren meine letzten Worte an ihn?

Es waren abgrundtief verzweifelte Minuten. Ich erstarrte zur Säule und beim besten Willen kam mir kein Masterplan für diese Horror-Situation in den Sinn. «Wir müssen die Polizei verständigen!», rief ich Tom zu, als ich ihn kurz zu Gesicht bekam. Er war komplett verschwitzt und ausser sich. «Noch eine Runde mache ich, ich renne noch einmal ganz nach hinten!» – und da war er bereits wieder weg. Und ich stand da mit dem grinsenden Vincent im Wagen, der asiatischen Touristinnen anflirtete. Mein Magen gab mir klare Signale, umgehend eine Toilette aufzusuchen, aber ich blieb wie angewurzelt stehen.

Waren es dreissig Minuten, fünfundvierzig, sechzig? Ich weiss es nicht. Aber irgendwann winkte mir Tom von Weitem zu – Jakob auf seinem Arm. Eine brasilianische Touristin hatte ihn aufgegabelt, als sie den Buben alleine durch den Park spazieren sah. Rund 500 Meter ist Jakob an sämtlichen Skulpturen und Brunnen vorbeigebummelt – den ganzen Weg, den wir zuvor gemeinsam gegangen waren, weil er uns auf dem Spielplatz nicht gefunden hat. Er hat nicht geweint. Er hat uns einfach nur gesucht.

«Ich ha die vermisst, Mami!», sagte er, als ich ihn in die Arme schloss und heulte. Ich schaffte es nicht einmal, die grossartige Retterin zu herzen, so neben der Spur war ich. Gottlob hat Tom, mein rationaler Mann, die E-Mail-Adresse des Brasilianischen Engels aufgenommen, so dass wir uns nun noch gebührend bedanken können. Der Rest des Tages war dann natürlich gelaufen und an Sightseeing war nicht mehr zu denken. Wir werden also noch ein weiteres Mal nach Oslo reisen.

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Den Rest des Tages verbrachten wir am Strand. Um dem Tag doch noch eine positive Wendung zu geben.

5 Gedanken zu „Horrortrip.&8220;

  1. Ich habe das erst gestern Nacht gelesen und konnte nicht schlafen. So ein Schock und zum Glück habt ihr Jakoubek gefunden, ❤️pusu babi

  2. Uih. Schlimme Erfahrung, die Ihr da gemacht habt. Fährt ein und hinterlässt Spuren. Ende gut, alles gut aber was für ein Schrecken. Ich kann Eure Panik so gut nachvollziehen. Mir ist es mit klein Désirée am Strand passiert (viel Wasser!). Seid umarmt.

  3. Ohje, da habt ihr ganz schön einen mitgemacht. Uns ist Amélie mal im Europapark entwischt, ich kenne das Gefühl! Seid dick umarmt&geherzt! Das Strandfoto ist sehr lustig, da pinkelt er ja schon wieder entspannt in den Sand neben euch

  4. Every parent’s outmost nightmare…. puh, glad he was found, – and also good for him that he was not scared ! ❤️

  5. Das ist ein Horrorszenario im warsten Sinne des Wortes.

    Gut hat sich Alles zum Besten gefügt. ❤
    Ich denke, es passiert Allen Eltern.
    Für was?

    Um dankbar zu sein, das man diese Verantwortung ein Kind begleiten zu dürfen hat.

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