In meinem Leben hat es ich so ergeben, dass ich alle 10 Jahre eine längere Auszeit in Anspruch nehme. Während 1999 und 2009 das Erkunden von fernen Ländern auf dem Programm stand, war es 2019 Europa. Natürlich ging es diesmal primär um die Familienzeit. Es ging darum, Zeit mit der Familie zu verbringen und nebenbei auch noch ein wenig was zu erleben.
Aber Europa braucht sich wahrlich nicht zu verstecken. Ich liebe diesen Kontinent. So viel Geschichte, so viele Sprachen, so viele imposante Städte, Bauwerke und Landschaften auf so engem Raum: diese Vielfalt ist einzigartig und weltweit unerreicht. Es kommt hinzu, dass man sich hier überall frei bewegen darf, dass Freiheit herrscht, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Die Infrastruktur ist gut, die Gesundheitssysteme sind mehr oder weniger intakt und wenn man mal doch nach Hause müsste, so ist alles nur ein Katzensprung.






In den ersten vier Monaten haben wir gut 12’500km zurück gelegt und im letzten Monat auf Mallorca sind nochmal gut drei Tankladungen hinzu gekommen. Schön war es. Tschechien erkundeten wir ostwärts bis an die slowakische Grenze, dann Richtung Süden zu bis an die Grenze zu Österreich, nach Westen bis nach Bayern und nach Norden bis zur Grenze nach Sachsen und Polen. Wir haben Deutschland von Süd nach Nord durchquert. Mann, das zieht sich! Bis auf den Verkehr ist es dann aber ein wunderbares Gefühl, den Hafen von Hamburg zu passieren und einen Blick auf die grossen Hafenkräne und die Hochseeschiffe zu erhaschen. Später dann die Brücken in Dänemark: sie sind ein Spektakel. Der Höhepunkt war zum Abschluss dieses Abschnitts die Brücke von Dänemark ins schwedische Malmö. Je weiter man in Schweden Richtung Norden fährt, desto «skandinavischer» wird es. Plötzlich sind da rundherum Wälder und es wird einsamer. Die Natur übernimmt. Irgendwann dann der Grenzübergang nach Norwegen. EU-Aussengrenze. Klar, wird man da mit exotischem Nummernschild noch etwas genauer befragt. Habe ich schon erwähnt, dass ich Befragungen durch Zollbeamte zu meinen grössten Stresssituationen zähle? Ausgelöst wurde das Trauma durch französische Grenzbeamte, die einem in Jugendjahren permanent einen Drogenhund ins Auto gesetzt haben und einen behandelt haben, wie einen Kleinkriminellen. Hände hoch! Taschen durchsuchen! Danach stand die Armada von Grenzbeamten neben mir und wartete auf den Sucherfolg des Hundes – wohl in der Hoffnung auf eine Beförderung durchs Département dö tütütütü. Doch der arrogante, französische Pudel fand einfach nichts. Und wenn da auch nichts ist, ich mag dieses Gefühl nicht, unter Verdacht zu stehen und banale Sachen erklären zu müssen und mir diesen misstrauischen Blick des Beamten anzusehen. Aber zurück zu unserer Einreise nach Norwegen: Die Zollbeamtin war ja wirklich nett. Sie hat auch nur ihren Job gemacht. Wohin reisen Sie? Was machen Sie da? Wie lange bleiben Sie? Haben Sie die Absicht, hier zu arbeiten? Können Sie beweisen, was Sie mir erzählt haben? Haben Sie Alkohol dabei? Wie viel? Ich habe versucht, mich auf ihren süssen, blonden Oberlippenbart zu konzentrieren und glaubwürdige Antworten zu geben. Das hat geklappt! Wir durften einreisen ohne den Kofferraum zu öffnen und uns auszuziehen! Die mitgereisten fünf Kilo Kokain, die zehn Kalaschnikows und die Handtaschen aus Krokodilleder, die wir dann in Oslo auf dem Schwarzmarkt verscherbelt haben, waren natürlich ein willkommener Zustupf für unsere Reisekasse.






Aber zurück zu Europa, diesem Kontinent, den ich so mag und dem dieser Artikel gewidmet ist. Europa, du bist so schön! Ich gebe zu, du machst es uns nicht einfach, denn du bis kompliziert. Ein tschechischer Aussenminister meinte mal, man müsse sich in Europa «durchtrinken», um es wirklich zu verstehen. Und das hat schon etwas: Whiskey, Gin, Bier, Champagner, Wein und Schnaps führen zu einer eigenen Lebensart, Prägung und fast schon Identität. Genau so wie Käse, Schokolade, Fisch, Rinderzucht, Pharma-, Banken- oder Kohleindustrie. In jeder Region, in jedem Land ticken die Menschen leicht anders. Dennoch: Das Verbindende überwiegt und ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig inspirieren, anspornen und bereichern. Wir haben zumindest genug Inspirierendes gesehen!


