Lieber Jakob, lieber Vincent.

Unsere Auszeit neigt sich dem Ende entgegen. Wehmut kommt auf, denn die Zeit mit euch war etwas ganz Besonderes. Sie war intensiv, lehrreich, Herz zerreissend, zuckersüss, fordernd aber auch Nerven aufreibend. Vor allem aber hat uns diese Zeit noch mehr zusammengeschweisst. Wir vier sind Familie, mehr denn je.

Lieber Jakob, ich habe die Szenen vor unserer Auszeit noch sehr lebhaft vor Augen. Wie du mir morgens die Schuhe wegnimmst, wie du mich daran hinderst das Haus zu verlassen und wie du mich aufforderst, nicht zur Arbeit zu gehen. Es waren ja nur die paar Minuten, die wir uns überhaupt an einem Arbeitstag gesehen haben. Abends hast du mich, im Bett liegend, mit Mami noch angerufen. Und wenn ich dann schon im Auto sass und auf dem Heimweg war, dann haben wir noch viel geredet. Beziehungsweise ich. Du warst eher der Zuhörer. Und nicht selten hast du Gute-Nacht-Lieder eingefordert. Und so habe ich mein ganzes Repertoire zum Besten gegeben, während ich mich über Linksfahrer oder Tunnelinstandhaltungsarbeiten geärgert habe.

Und du Vincent, du hattest bisher noch kaum Gelegenheit gehabt, mich richtig kennen zu lernen. Ich dich auch nicht. Natürlich waren da die drei Tage Vaterschaftsurlaub und die anschliessenden Ferientage. Und natürlich wusstest du wer ich bin, doch die ersten Monate hingst du eben am liebsten an Mamis Brust. Bald hast du aber angefangen, dein charmantes Lächeln aufzusetzen und es hat mir immer das Herz zerrissen, wenn ich mich morgens von dir verabschieden musste und dann die Tür hinter mir schloss und ging.

Und dann, mit Schuldgefühlen im Auto sitzend, versuchte ich verzweifelt eine Lösung zu finden für ein Problem, das doch sicherlich Zehntausende von Eltern auch haben. Wie schaffe ich es, Beruf, Familie – Kinder und Paarleben umfassend – und Eigeninteressen in ein vernünftiges Gleichgewicht zu bringen? Eine für helvetische Verhältnisse radikale Antwort darauf ist unsere Familienauszeit. Nicht, dass das Problem damit grundsätzlich gelöst wäre, doch es ist ein Zeichen und ein Bekenntnis dafür, dass es mir wichtig ist, mit euch eine Beziehung aufzubauen und ein wahrnehmbarer Teil der Familie zu sein. Dass es mir mit der «gemeinsamen Sorge» ernst ist. Ihr seid mein Ein und Alles und ich will Zeit mit euch verbringen und zwar jetzt. Nicht erst wenn ihr 20 seid und ich bald in Rente gehe.

Es ist verrückt und wahnsinnig schön: Kinder sind ab Tag eins voll da. Da gibt es keine beleidigten Gesichter, die einem vorwerfen: «Wo warst du denn die letzten Monate, hä?». Das Wertvollste, was man Kindern schenken kann, ist schlicht und einfach Zeit. Die Beziehung wächst und gedeiht von Tag zu Tag. Es braucht keine Geschenke, es braucht keine Goodies, es reicht wenn man sich neben das Kind setzt und ihm beim Spielen Gesellschaft leistet und es durch den Tag begleitet.

Aber zurück zu euch, Jakob und Vincent! Wie ihr wisst, haben wir diese Auszeit mit einer Reise durch Europa kombiniert. Ich muss euch ein Riesenkompliment aussprechen, denn ihr habt all die Stunden im Auto mit Bravour gemeistert. Du, Jakob, hast friedlich die Landschaft an dir vorbei ziehen lassen, aufmerksam den Verkehr, die schnellen Autos und die Notfallfahrzeuge beobachtet und viel gequasselt. Vincent konnten wir vor allem mit reichlich Reisefutter ruhig stellen, wobei selbst bei Wenig-Esser Jakob auf Reisen ein erstaunlicher Hunger zu beobachten war.

IMG_2998
Give me a drink and let’s make this trip great again!
IMG_0880
Ready for Summer time!

Wenn ich mir die Entwicklung von Vincent durch den Kopf gehen lasse, dann sind fünf Monate schon Welten. Während wir zu Beginn der Reise noch ständig einen Flaschen-Erwärmer, Baby-Food und Milchpulver dabei hatten, sind wir heute darum bemüht, unsere bevorzugten Lebensmittel vor ihm in Sicherheit zu bringen. Lieber Vincent, du isst uns alles weg. Sei es Serrano-Schinken, Speck, Rührei, Käse, Oliven oder Pasta. Du magst es währschaftlich und du magst es in Mengen. Es ist eine Freude, deinen schier endlosen Appetit erleben zu dürfen, doch manchmal ist es fast etwas beängstigend. Du bist ja so ein süsser Strahlemann, doch wenn dein Magen nicht gefüllt ist bzw. sobald du Essen riechst und es nicht Nullkommaplötzlich kriegst, wirst du zur Furie. Es gibt wohl Tage, an denen isst du mehr als Mami oder Papi. Und als Jakob sowieso. Dass dir unterdessen fünf Zähne gewachsen sind, macht die Sache nicht besser.

IMG_0866
Eis geht schon auch, doch das Fleisch fehlt leider.
IMG_1706
Viele Nahrungsmittel werden von Jakob kategorisch abgelehnt. Pasta geht aber meist gut!

Aber du brauchst eben viel Energie. Zu Beginn der Reise konntest du immerhin schon einigermassen sitzen. Bewegungstechnisch war aber alles überschaubar und das Wickeln war easy. Jetzt bist du nicht aufzuhalten und kletterst überall hoch, wo du nur kannst. Und du findest wirklich Vieles, was du erkunden möchtest. Gerne wählst du dabei den kompliziertesten Weg und gehst ziemlich viele Risiken ein. Du gibst dir grösste Mühe, mit deinem grossen Bruder mitzuhalten und zeigst uns permanent, dass du schon weisst, wie die Welt funktioniert. Du verlangst z.B. die Zahnpastatube, wenn du dir die Zähne putzt – und das tust du sehr häufig. Du krabbelst herbei, wenn es darum geht, den Geschirrspüler auszuräumen, etwas zu Futtern vorzubereiten oder die Holzkohle zum Glühen zu bringen. Du bist einfach überall dabei! Du versuchst Jakob mitzuteilen, dass du schon weisst, wie man mit Autos spielt und greifst beherzt nach seinen Fahrzeugen. Leider kriegst du dann meist eins auf die Rübe, wobei ihr unterdessen zwischendurch auch mal richtig schön miteinander spielen könnt. Jakob verfolgt dich nämlich ebenfalls auf Schritt und Tritt. Apropos Schritt und Tritt: auf deinen ersten Schritt warten wir immer noch gebannt.

IMG_2133
Sightseeing in Česky Krumlov
IMG_8699.jpeg
Schon Ende Mai warst du ganz flink unterwegs.
IMG_3118
Im August warst du aber schon für weitere Strecken zu haben!
IMG_2548.jpg
Hauptsache, es gibt was zwischen die Zähne!

Und du, Jakob? Auch bei dir hat sich viel getan. Sprachlich. Motorisch. Sozial. Auf Spielplätzen bist du im Element. Du suchst dir meistens ein paar Mädels aus und verfolgst sie ungeachtet dessen, ob sie wollen oder nicht, ungeachtet dessen, ob sie dich verstehen oder nicht. Dank deiner Hartnäckigkeit gelingt dir immer wieder mal ein guter «Catch». Du hast auch einen sturen Kopf und verfolgst hartnäckig deine Ziele. In Prag noch hast du dich z.B. mit Vehemenz gegen gewisse Kleidungsstücke – meist diejenigen ohne lustiges Motiv – gewehrt (heute übrigens kein Thema mehr). Du lehnst es ab, neue Schuhe anzuziehen, du verweigerst Wanderungen oder auch einen kurzen Fussmarsch, du willst nicht am gemeinsamen Essen teilnehmen, du willst die Hand nicht reichen beim Überqueren der Strasse, du willst nichts sagen, wenn wir mit Familie und Freunden telefonieren, usw. Aber du zeigst uns auch immer wieder deine Fortschritte und die sind beachtlich. Oft sagst du selbstbewusst: «Ich cha das guet!». Und das stimmt! Mal abgesehen vom Trottinett- oder Velofahren, wo wir doch noch fern von «gut» liegen. Übrigens forderst du auch sehr viel. Wirklich viel. Es bleibt einem keine Minute, in der man ungestört etwas erledigen könnte, doch da bist du mit Vincent auf gleicher Wellenlänge. Du magst auch Rollenspiele, wobei ich es dann bin, der dir als «Lightning McQueen», als «Sally», als «Porsche», als «Marshall», als «kleiner Maulwurf» oder, abstrakter, als «Kugelschreiber» oder sonst irgendetwas irgendetwas erzählen muss. Aber so ist es halt eben, wenn man in so einer Auszeit für die «Königsdisziplin» der Kinderbetreuung, also die Begleitung in die gute Nacht, gewünscht und auserkoren wird. Ich habe unterdessen so viele Rollen drauf, dass ich manchmal gar nicht mehr weiss, wer ich tatsächlich bin. Erstaunlich ist, dass du so einer Figur sehr viel mehr erzählst, als du es mir selbst erzählen würdest.  Das gleiche Phänomen habe ich aber auch kürzlich beim Besuch bei Babička beobachtet. Als ich in die Rolle des «Kapitän Pepa» geschlüpft bin und ein paar Fragen an sie gerichtet habe (in Anwesenheit von Jakob wohlbemerkt), stand sie mir Rede und Antwort. Sonst ist ihre Aufmerksamkeit nahezu nur auf die Kinder und aufs Kochen ausgerichtet.

IMG_1610.jpg
Hurra! Der Frühling ist da!
IMG_1885
Spielplätze sind einfach das Grösste! Und die in Prag waren wohl die coolsten!
IMG_2231
Kleine Stärkung auf dem Rastplatz kurz vor Hamburg.
IMG_3068
So viel Sand an den Küsten Dänemarks!
IMG_2598
Kleine Fährenfahrt in Fredrikstad.

Meine lieben Jungs, wir haben sehr viel erlebt. Wir haben Spielplätze erkundet, haben keinen Freizeitpark ausgelassen, waren in vielen Städten, Dörfchen, an Seen, am Meer, haben Sandburgen gebaut – ok, meist war nur ich am Bauen, Vincent war auf Zerstörung aus und Jakob erkannte seinen Vater nicht wieder, doch wir haben zusammen viel Zeit verbracht. Das ist es, was zählt. Und nicht nur das – es geht auch darum, den Alltag zu erleben und zu realisieren, dass es wahrlich nicht nur ein Zuckerschlecken ist mit euch Rabauken.

Nichtsdestotrotz: Ihr seid für mich die Grössten, ich bin unendlich stolz auf euch und will noch viel, sehr viel mehr Zeit mit euch verbringen!

IMG_3500
Die Burg wurde zur Ruine, doch die Stimmung ist gut.
IMG_3494
Vincent auf Verfolgungsjagd am Strand auf Mallorca.
IMG_3355
Auto fahren können wir jetzt! Gerne auch gemeinsam!

Ein Gedanke zu „Lieber Jakob, lieber Vincent.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.