Vor kurzem bin ich wieder mal ein Jahr älter geworden. Nichts Schlimmes. Ich fühle mich ja schliesslich immer noch jung im Geiste, bin weit davon entfernt alt zu sein und halte mit der Entwicklung der heutigen Zeit locker mit. So. Nun merke ich aber, dass ich vermehrt Vergleiche anstelle zu früher. Die Vergleiche sind nicht zwingend wertend, doch manchmal schon. Ich ertappe mich zwischendurch dabei, dass ich die Welt von früher etwas vermisse.
Wenn man früher etwa auswärts etwas konsumiert hat, so war eine Cola das Grösste. Coca-Cola hat unsere Kinderzimmer zu einem richtig coolen Ort gemacht – mit Cola-Postern, Cola-Mistkübeln, Cola-Bleistiften und im Schrank hatte man vielleicht gar eine Coca-Cola-Trainerhose. Wenn du heute in einem hippen Lokal eine Cola bestellen möchtest, so kassierst du einen bösen Blick und musst zu einem Fläschchen «Grapefruit-Rosenkohl-Melonen-Uwaia-Salak»-Saft greifen und für 2dl CHF 9.80 hinblättern. Wenn du Glück hast, gibt es eine Alternativ-Cola im Angebot, doch die ist geschmacklich und preislich so weit vom Original entfernt, dass du dich doch lieber für den «Grapefruit-Rosenkohl-Melonen-Uwaia-Salak»-Saft entscheidest. Am schlimmsten dann der Augenblick, in welchem man sich, mit den Kollegen am Tisch sitzend, gegenseitig bestätigt: «Gar nicht so schlecht». Man tut das, um das schlechte Gewissen zu beruhigen, denn man hat soeben zehn Franken ausgegeben und weiss ganz genau, dass die zwei Deziliter in jedem Moment in gleicher Farbe und Konsistenz den Körper auch blitzartig wieder verlassen könnten.
Anderes Beispiel: Wenn du früher ein Bad mit Badeschaum genommen hast, dann warst du entweder der naturverbundene «grüne Fichte»-Typ oder der sportliche «Meeresbrise»-Typ. Heute wirst du von der Auswahl erschlagen. Wie wär es mit «Zeit für Träume – Lavendel, Vanille, Abendblume» oder doch lieber einen billigen «Inselzauber» oder einen etwas höherpreisigen «Hollistic Bath Foam mit ayurvedischen Energy Bubbles»? Natürlich bin ich froh, hat es in diesem Bereich eine gewisse Entwicklung gegeben, denn wer möchte heutzutage abends mit einer «grünen Fichte» ins Bett steigen? Früher war das wohl anders. Roch es neben dir nach WC-Ente, dann wusstest du: «Aha, sportlicher Typ!», denn die Meeresbrise kam der WC-Ente verblüffend nahe. Aber sind wir ehrlich: auch heute wirst du nicht zur Kleopatra nach einem Wohlfühl-Bad und auch der Mann bleibt nach «Zedernholz und Jojobaöl» letztlich doch nichts anderes als eine «grüne Fichte».
Oder nehmen wir doch Tätowierungen: früher wusstest du verlässlich, dass du es mit einem Ex-Häftling, einem Drogenabhängigen, einem Seefahrer oder mit einer Person aus Milieu zu tun hattest. Zumindest hatte die Person Persönlichkeitsstörungen. Heute könnte es dein Vorgesetzter sein mit einem legalen Jahresgehalt. Wer heute nicht bis zum Erreichen des 30. Lebensjahres zwei Arme, den Hals und die Unterschenkel volltätowiert hat, hat vermutlich gar keine Freunde. Heute zeigt man damit, dass einem der eigene Körper etwas wert ist und betont eine gewisse Gelassenheit und einen gesunden Optimismus in Bezug auf bevorstehende Alterungsprozesse. Die Tattoos sind Ausdruck von Individualität, schliesslich stehen heute auch mehr Motive zur Auswahl als «Weib mit Titten», «Delfin», «Rose» und «Anker». Zudem lässt man sich ja auch gerne Daten, Sternzeichen oder die Vornamen der Kinder tätowieren und das ist schon einzigartig: z.B. Liam, 24.08.2018 (Zeugungsdatum). Als Pragmatiker wäre es mir jedenfalls lieber, z.B. meine Impfdaten tätowiert zu haben: Tetanus, 19.10.1984. Aber ich warte noch zu.
Oder die Jogger. Früher waren sie so selten, dass wir uns als Kinder totgelacht haben, wenn wir so einen lustigen Hüpfer an uns vorbei eilen sahen. Wir haben jeweils «Hopp, hopp, hopp!» gerufen und uns gefragt, warum der das wohl macht. Heute ist jedermann ein Jogger – zumindest phasenweise. Selbst die Unbegnadetsten investieren in teures, oft unvorteilhaft aussehendes Equipment. Ein Jeder zieht sich freiwillig hautenge Höschen an und ziert sein Gesicht mit einer flitzigen Sportlerbrille. Selbst Leute, die sich sonst nie verkleiden würden. Die Motiviertesten schrecken auch vor belebten Fussgängerzonen mit Touristenmassen nicht zurück. Hauptsache weg von zu Hause. Immer auf Mann: Das Aufzeichnungsgerät! Wir messen den Fortschritt, laden die Community zu einer Challenge ein und übermitteln die Daten an die Krankenkasse. Schliesslich ist man ja kein fauler Sack.
Ich würde gerne noch viel mehr über «früher» schreiben, doch der eigentliche Grund ist ein Erlebnis hier in Norwegen. Konkret geht es wieder ums Autofahren bzw. um die Registrierung bzw. um eine Welt, die mir nicht gefällt. Susi, die Dame, die uns durch Europa navigiert, meinte schon oft «Mautstrasse voraus». Zwar stand da ab und zu eine Tafel mit einem Preis, doch weit und breit keine Zahlstelle. Nun haben wir von unserer Austauschfamilie erfahren, dass man ständig fotografiert wird und am Ende der Reise eine Rechnung bezahlen muss für alle Maut-pflichtigen Abschnitte – was auch eine 50m lange Brücke sein kann. Später habe ich dann herausgefunden, dass wir uns aber auch noch online registrieren müssen, da ansonsten einfach immer der höchste Preis in Abzug gebracht wird. Die Registrierung ist schnell gemacht: Account anlegen, ein paar Angaben zum Auto, der Autonummer, der 1. Inverkehrssetzung, den Besitzverhältnissen, der EURO-Norm, der Kreditkarte usw.. Dinge, die ich gerne irgendwo tätowiert hätte halt.
Früher hat man bei der Einreise einfach eine Vignette gekauft oder man hat eine Mautstelle passiert und wusste, was Sache ist. Heute wirst du kriminell und du weisst nicht mal warum. Nun geht es aber noch weiter. Gemäss Austauschfamilie kostet es offenbar etwa EUR 300 wenn man 10km/h zu schnell fährt. Auf der 100km langen Fahrt nach Oslo begegnet man gut und gerne etwa 30 Blitzern. Zudem soll es zahlreiche Polizeikontrollen geben, wobei wir in einer Woche erst einer begegnet sind. In Norwegen, einem Land mit einer wohl noch höheren Porsche- und Tesla-Dichte als in der Schweiz, herrscht auf den leeren Autobahnen eine Höchstgeschwindigkeit von 110km/h, wobei meistens eh 90 vorgeschrieben ist, da ja immer irgendwo ein Kürvchen auf einen lauert. So bin ich jetzt zum Tempomatfahrer geworden. Und seien wir ehrlich: Tempomat in Kombination mit Spurhalteassistenz – mich braucht es hier doch gar nicht mehr.
Ha! Janine, gimme five. Und ich glaube, es wird Zeit für eine Tetanus-Auffrischung.
Der Text kommt von Tom! Und ja: Immer schön das Impfbüchlein im Auge behalten …