Seit meinem letzten Gummistiefelkauf sind in etwa 35 Jahre vergangen. Wir fuhren damals immer in den Bata-Fabrikladen in Möhlin. Nun ist es wieder so weit, denn wir wollen aufs Land – und zwar so richtig! Gebucht haben wir ein kleines Häuschen auf einem Bauernhof in den Beskiden. Genauer gesagt in Velke Karlovice, wobei es eigentlich zu Male Karlovice gehört. Aber auch das ist nicht ganz korrekt, denn man soll gemäss Wegbeschrieb so lange fahren, bis man das Gefühl hat, keine weitere Zivilisation mehr anzutreffen. Von da an sei es noch 1km entfernt und diesen legt man am besten mit einem 4×4 zurück. So weit, so gut, nun fehlen nur noch die von der Gastgeberin empfohlenen Gummistiefel, denn die Wetteraussichten sind miserabel.
Seit wir in Prag wohnen, sind wir es uns gewohnt, alle erdenklichen Güter des täglichen Bedarfs innerhalb von 2 Gehminuten besorgen zu können. Aber Gummistiefel? Im Bata-Laden in der Strasse finde ich sie zwar, doch leider nicht in meiner Grösse. Jetzt noch runter zur Hauptstrasse in den Laden mit Arbeitsbekleidung zu gehen, kommt nicht in Frage. Das wären ja nochmals etwa 10 Gehminuten und da ist der Rückweg noch nicht einmal miteinberechnet. Wir müssen los, denn Frau und Kinder werden langsam ungeduldig.
Nach etwa zweieinhalb Stunden machen wir Pause in Litomyšl. Wer kennt sie nicht, die Geburtsstadt von Smetana! Oder hilft vielleicht der deutsche Name Leitomischl? Jedenfalls ist es ein hübsches Städtchen mit ziemlich vielen Läden aller Art. Wenn ich hier keine Gummistiefel finde, muss ich in den nächsten zwei Tagen ein Leben auf nassem Fuss führen und wohl trotzdem Abschied nehmen von meinen neuen Turnschuhen, mit denen ich gerade erst warm geworden bin. Zu sehr lastet noch der Schmerz vom Abschied vom Vorgängermodell auf mir – ich will nicht noch eine Trennung hinnehmen!
In solchen Situationen hilft eigentlich nur eines: ein Vietnamesen-Shop! In Tschechien leben sehr viele Vietnamesen und die meisten von ihnen sind im Handel tätig. Egal ob man Lebensmittel, Kleider, Crystal Meth, Souvenirs, Zigaretten oder asiatisches Essen braucht, beim Vietnamesen findet man alles. Und die Vietnamesen sind stets freundlich, grüssen und sind extrem fleissig. Die nette Verkäuferin im Lebensmittelladen neben unserer Wohnung z.B. steht um 4.30 Uhr auf schliesst den Laden um 22 Uhr. Daneben hat sie drei Kinder. Ich würde ihr wirklich auch eine Auszeit wünschen und schäme mich neben ihr ein wenig für die Unsrige. Sie hat mir übrigens mal mitgeteilt, dass ich ihrem Chef gleichen würde. Ich weiss nicht, ob sie meinen autoritären Auftritt gemeint hat oder meine asiatischen Gesichtszüge, doch eines von beidem muss es ja sein.
Genug geplappert: Ich finde meine Stiefel beim Vietnamesen in Leitomischl und profitiere erst noch von einer Aktion, so dass mich dieser Spass gerade mal zehn Franken kostet. Der Verkäufer ist happy, meint, ich solle doch unbedingt wieder mal kommen, ich bin happy und wir können endlich los in die Wildnis!