Bier.

Ist man in Tschechien unterwegs, so kommt man am Bier nicht vorbei. Ich kenne zwar keine Statistik, aber meine Beobachtungen lassen die Vermutung zu, dass in diesem Land mehr Bier getrunken wird als Wasser. Bier ist hier Lebenselexier. Das geht immer. Zu jeder Uhrzeit, in allen Mengen. Wobei – sowas wie ein «Herrgöttli» kennen die Tschechen nicht. Mit solchen Kleinmengen geben die sich nicht ab. Ein Bierglas umfasst mindestens vier Deziliter, in der Regel sind’s fünf. Und die sind schnell leer.

Neulich war ich mit Tom, zwei seiner Cousins, einem Onkel, unseren zwei Buben und den beiden Buben des einen Cousins auf dem Spielplatz. Ziemlich viele Männer und ich. Als erstes organisierten wir Bier aus einer nahegelegenen Kneipe – die schenken das hier auch in Plastikbechern aus, damit’s die Leute mitnehmen können, zum Beispiel auf den Spielplatz. Als die Kinder hungrig wurden, machten wir uns auf ins Restaurant. Da gab’s natütterli als erstes eine Runde Bier, denn damit kann man die Speisekarte viel besser studieren.

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Eins nehmen wir noch!

Als der Kellner kam, um das Essen aufzunehmen, wurde bereits die nächste Runde Bier bestellt, danach das Essen. Der Kellner meinte «viel los heute, vermutlich geht’s ziemlich lange, bis das Essen kommt.» Ich meinte, ein Leuchten in den Augen der Herren wahrzunehmen. Wenn’s lange dauert, kann man vorher noch ein paar Bierchen kippen, ist doch wunderbar. Die Kinder fanden’s mässig lässig. Ich auch. Was auch daran liegen mag, dass ich kein Tschechisch verstehe und solche bierseligen Runden für mich immer etwas schwierig sind. Lächeln, nicken und so tun, als wär ich voll dabei. Hab ich schon erwähnt, dass ich absolut keine Biertrinkerin bin? Sälbertschuld.

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Irgendwo zuunterst im Gepäck fanden wir noch ein trockenes Brötli für Jakob.

Als der Kellner erneut kam und meinte, es dauere derzeit über eine Stunde, bis das Essen serviert werden könne, wurde entschieden, die Bestellung zu stornieren. «Aber eine Runde Bier nehmen wir noch!», tönte es im Tenor. «Superlösung», fand ich, man kann sich ein paar hungrige Kinder ja auch einfach aus dem Gedächtnis saufen. Wobei, stopp, ich habe immer wieder gemerkt, dass Biertrinken mit Saufen hier nichts zu tun hat. Zumindest nicht in erster Linie.

Biertrinken ist hier Kultur. Früher war es in der Beiz offenbar so, dass ein guter Kellner ungefragt Bier brachte, sobald sich ein Glas dem Ende neigte. So kommen natürlich in kurzer Zeit gut und gerne einige Liter Gerstensaft zusammen und es wundert mich nicht, dass sich einmal ein Herr direkt vor unserer Haustüre erleichterte, indem er die Hose runterzog und sich aufs Kopfsteinpflaster hockte, um seine Last loszuwerden. Ein Sitzpinkler auf offener Strasse – auch eine Erfahrung. Übrigens gilt in Tschechien für Autofahrer die Promillegrenze 0,0. Das erklärt vermutlich auch, weshalb es in Prag keine Parkplätze gibt. Jeder lässt sein Auto stehn, denn keiner will aufs Pivo verzichten. «Pivo» – übrigens eines der wenigen Wörter, die ich auf Tschechisch voll drauf hab.

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Stepanek und Pepa hätten wohl auch gern vom Brötchen gehabt. Tja.
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Wenn der Magen knurrt, hört bei Vincent der Spass auf.

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