Saufisaufi.

Ganz ehrlich? 2000 Kilometer mit dem Auto von Norwegen in die Schweiz waren entspannter, als die Flugreise von Basel nach Malle. Als wir die Warteschlange beim Check-in überstanden hatten und bei der Passkontrolle sämtliche verdächtigen Gegenstände abgelegt hatten (Sprengstoffgürtel, Baby Björn, Kinderspielzeug und all das) verkündeten wir euphorisch, dass wir nun baldbald dieses langersehnte Flugi besteigen würden. Fail. Denn: danach kam das Easy-Jet-Ghetto. Das hatten wir, die wir schon ziemlich lange nicht mehr geflogen sind und üblicherweise Easy Jet wenn immer möglich meiden, verdrängt.

Wer einen Easy Jet Flug übersteht, kann getrost auch mit dem Zug von Delhi nach Mumbai gondeln, das ist uns heute einmal mehr bewusst. Zwei Stunden sassen wir in der Abflughalle irgendwo am Boden – Sitzgelegenheiten sind in dieser Zone eine Rarität und wir verloren leider die Reise nach Jerusalem. Hunderte von Menschen warteten auf ihren verspäteten Abflug nach Prag, Wien, irgendwohin, der Flugraum war komplett überlastet, weil offenbar sämtliche Franzosen exakt an diesem Sonntag von ihrem Urlaub zurückkehrten. Zu der Zeit, zu der wir ins Flugzeug hätten einsteigen sollen, stand dieses noch auf dem Flughafen in Palma. Halleluja.

Keine Ahnung, wie wir die zwei Stunden überstanden. Jakob guckte sich dämliche Youtube-Baby-Filmchen auf Toms Handy an, spielte mit den paar Autos, die wir gottlob im Handgepäck hatten und wir Grossen wanderten abwechselnd mit dem bewegungsfreudigen Vincent durch den Flughafen. Dann endlich: Embarquer. Zumindest bis vor die Glastür zum Flugfeld, da warteten wir dann nämlich noch einmal 30 Minuten eingepfercht wie Hühner darauf, dass wir endlich in dieses ver* Flugi einsteigen können, aus dem gerade die Fluggäste von Palma ausstiegen. Die Ersatzwindeln schwanden, die Nahrungsmittel ebenfalls, es war bereits gegen 19 Uhr, eine Zeit, zu der Vincent normalerweise langsam ins Bett geht. Seine Stimmung war entsprechend fragil. Irgendwann sassen wir in dem Flugzeug. Und rollten sogar los. Nur mussten wir dann noch einmal 30 Minuten auf die Starterlaubnis warten. Vincent war diese Reise verleidet, da standen wir noch auf Position neun in der Warteschlange.

Vor meinem inneren Ohr hörte ich all die Bekannten, die mir immer wieder ins Ohr flöteten, wie entspannt ihre Reise nach Dubai, Kuba oder Australien mit Kleinkind doch war – die Kindlein hätten von Anfang bis Ende der Reise durchgeschlafen. Nun, unsere Kinder schlafen nicht, wenn etwas vermeintlich Spannendes oder Ungewohntes um sie herum passiert. Auch wenn sie sehr, sehr müde sind. Nicht. Schlafen. No. Sleep. Nein. Stattdessen: Klapptischchen auf und zu und auf und zu und raufklettern und den Vordermann an den Haaren zupfen und wieder runter und den Gang raufkrabbeln und runter und fremden Menschen am Hosenbein reissen und an den Schnürsenkeln und dann wieder auf den Schoss und Reisebroschüren raus und rein und auseinander reissen und Kotztüte zerknüllen und … Entspannt reisen geht anders. Lustigerweise sass die sympathische Goldschmiedin aus Emmendingen, die vor einem Jahr unsere wunderbaren Eheringe angefertigt hatte, genau neben uns. Eine Wohltat. Und ein unglaublich schöner Zufall.

In Palma landeten wir um etwa 21.30 Uhr. Dann schier endloser Transfer im Bus. Dann ewiges Warten auf Koffer und Buggy. Dann Warteschlange beim Mietauto. Dann wollte uns die aufgestellte Dame am Europcar-Schalter für schlappe 30 Euro Aufpreis pro Tag einen fetten BMW ans Herz legen – nein danke, nein wirklich nicht, nein interessiert uns nicht, NEIN, Himmel Arsch!!! – dann noch Zusatzversicherung, echt praktisch und nützlich und blablabla. Mit Autoschlüssel ging’s dann endlich zur Garage, da mussten wir nur noch die zwei Kindersitze abholen und montieren (eine Kleinigkeit, wirklich!) und schon ging’s los in die Mallorcinische Pampa, 45 Minuten Fahrzeit, wo dann noch eine einstündige Einführung der Besitzer unserer Finca in irrem Französisch-Spanisch-Englisch-Sprachmix begann. Wir mussten uns arg konzentrieren, um nicht in hysterisches Gelächter auszubrechen. Von der Nachbarsfinca tönte es aus zahlreichen schwer alkoholisierten Kehlen: «Wir sind hart im Glas, wir sind supergeil, wir sind supersexy und wir lieben diesen Style. Hab ich Saufi gehört? Ja du hast Saufi gehört! Saufisaufi, saufisaufi …» Ach.

Es war nach Mitternacht, als unsere Buben endlich schliefen. Und wir die dankenswerterweise von unseren Vermietern zur Verfügung gestellte Flasche Rotwein öffneten. Uns ansahen und einstimmig stöhnten: «das war der bisher anstrengendste Tag unserer gesamten Auszeit.»

 

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Beim Check-in waren wir noch guter Dinge.
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Den Duty-Free fand Jakob bereits mässig lässig.
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Kurz vor dem vermeintlichen Abflug: Stärkung am Gate.
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Mit Haribo hebt sich Jakobs Stimmung jeweils merklich.
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Danach: Warten.
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Und warten.
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wartenwartenwarten.
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wartenwartenwartenwartenwarten.
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Dabei geht’s allen irgendwie gleich.
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Und immer wieder: Warten.
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Und immer noch warten.
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Ich habe wohl intuitiv zum richtigen T-Shirt gegriffen für diese Reise.

 

 

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