Gespalten.

Meine Eltern sind auf ihrer Hochzeitsreise im Jahr 1968 in der Schweiz stecken geblieben. Der kurz zuvor erfolgte Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und die Besetzung des Landes durch die Sowjets war, zumindest für meinen Vater, Grund genug um der Heimat den Rücken zu kehren. «Wir bleiben hier!», hat er meiner Mutter befohlen. Ein finaler Entscheid; denn erst nach der Wende 1989 konnten beide in ihre alte Heimat zurück kehren.

Mir ist Tschechien mal sehr nah, dann doch auch wieder fern. Wenn ich in Vršovice in Prag aus dem Haus trete, das 1900 von meinem Ururgrossvater gebaut wurde, dann habe ich durchaus das Gefühl, nah an meinen Wurzeln zu sein. Zudem liebe ich den tschechischen Humor (immerhin bezeichnet Michael Palin von Monty Python die Tschechen als das lustigste Volk auf der Welt), die Geselligkeit, das Unbeschwerte, das Aufstrebende, die Dynamik, das Verrückte, Gewagte und Improvisierte. Gleichzeitig nervt mich aber an gewissen Menschen dieser undefinierbare Frust und der Mangel an Selbstvertrauen, der oft in Unfreundlichkeit und einem nicht wahrnehmbaren Händedruck endet. Vielleicht bin ich auch kritischer als andere, die nichts mit Tschechien zu tun haben.

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Hier in Vršovice wäre vermutlich auch ich gross geworden.
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Vielleicht wäre alles so gekommen.

Jedenfalls habe ich das Gefühl, dass einem diese zwei Seiten durchs ganze Land begleiten. Es gibt das aufstrebende Tschechien mit der zur Zeit niedrigsten Arbeitslosenquote Europas, mit innovativen Firmen, mit wunderschön restaurierten Städtchen und herzlichen Menschen und dann dieses Tschechien, das immer noch vom Verfall gekennzeichnet ist und von frustrierten Menschen, die sich immer auf der Verliererseite sehen.

Tschechien tut sich schwer mit seiner Geschichte. Man sieht sich – über weite Strecken zu Recht – als wehrloser Spielball zwischen zwei Grossmächten: Deutschland und Russland. Nach der tschechoslowakischen Staatsgründung 1918 war das Land eine der wenigen funktionierenden Demokratien in Europa mit einer sehr erfolgreichen Wirtschaft. 1938 mussten aber, aufgrund des von vier Grossmächten beschlossenen Münchner Abkommens, die Grenzgebiete Tschechiens mit einer mehrheitlich deutschen Bevölkerung geräumt und an Deutschland abgetreten werden. Ein Jahr später nahm Hitler ganz Böhmen und Mähren ein. Ein Schreckensmoment für die ganze Nation und eine unglaubliche Demütigung für die Tschechen und die junge Demokratie. Was dann nach dem Krieg folgte, war eine bittere Racheaktion. 3 Millionen Deutsche wurden aus ihrer Heimat vertrieben, viele auch hingerichtet unter dem Zorn der Bevölkerung. Aufgrund der Demütigung, die sie erleben mussten, tun sich die Tschechen bis heute schwer, dies als Unrecht anzusehen. Eine solche Aktion kennt aber keine Gewinner. Bis heute ist der Verlust von 3 Millionen verwurzelter Menschen extrem spürbar für ein so kleines Land, denn die bald an die Macht gekommenen Kommunisten wussten nichts Besseres, als in diesem Gebiet Romas aus der Ostslowakei und aus sozialistischen Bruderstaaten anzusiedeln und sesshaft zu machen. Dass dies zu weiteren Konflikten führt, kann man bis heute immer wieder hautnah miterleben.

Es ist wohl diese Vorgeschichte und insbesondere dann auch die 40-jährige kommunistische Misswirtschaft, die die Erklärung dafür liefern, weshalb man immer noch zahlreiche bewohnte und unbewohnte Bauruinen vorfindet im Land. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse, Spekulation und der Mangel an Kapital verhindern eine rasche Lösung dieses Problems. Die Geschichte und das vergangene Regime haben zudem viele Menschen geprägt. Es gibt immer noch Menschen, welche mit der vor 30 Jahren zurück gewonnenen Freiheit lediglich Negatives verbinden: Sorgen um den Arbeitsplatz, allgemeine Teuerung, hohe Mieten, Drogen, Prostitution, usw.

Einen Riss in der Gesellschaft gibt es auf jeden Fall. Mir scheint aber, dass der Anteil positiv eingestellter Menschen mehr und mehr überwiegt. Sehr vielen Menschen geht es sehr gut. Besser denn je. Die Leute reisen gern, richten sich die Wohnung schön ein, haben ein ordentliches Auto und pflegen ihre Wochenendhäuschen auf dem Land. In Prag strahlen auch in den Quartieren Häuser und Villen um die Wette, Kleinstädte putzen sich heraus, überall entstehen neue Läden, Märkte, Restaurants, Bürokomplexe, Industriezonen. Die Lebensqualität finde ich sehr gut. Tschechien ist ein Nettozuwandererland mit einer bemerkenswerten Dynamik. Prag hat eine magische Anziehungskraft und wird immer internationaler. Man merkt das z.B. ganz gut auf den Quartierspielplätzen, wo man unterdessen schon eine ziemliche Sprachenvielfalt zu hören kriegt: Englisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Spanisch, Vietnamesisch. Was auch immer. Zudem sprechen sehr viele Ausländer auch Tschechisch. Das ist gut so.

Trotzdem gibt es immer noch viel zu tun. Auf jeden Fall bleibt es aber weiterhin sehr spannend und so freue ich mich jetzt schon wieder auf den nächsten Besuch!

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Lebensmitteleinkauf auf dem Land
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Shopping Mall in Prag
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Der fährt an manchen Orten immer noch.
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Das war mal etwas, das auch schon bessere Zeiten erlebt hat.
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Náplavka / Rašínovo nábřeží in Prag: lebendige Uferpromenade an der Moldau
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Eine Gaststätte in den Beskyden
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Am Food Market „Manifesto“ in Prag
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Des Tschechen Stolz: die Chata, das Wochenendhäuschen auf dem Land
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In Tschechien darf man manches Schaufenster als „gewagt“ bezeichnen.

2 Gedanken zu „Gespalten.&8220;

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