Der Junge hat einen Burnout

Wenn man als 42-jähriger Mann, der eigentlich einen passablen Job hat, der Welt verkündet, dass man sich in den nächsten 5 Monaten eine Auszeit nehmen möchte, so begegnet man den unterschiedlichsten Reaktionen: es reicht von nervösem Gekicher über Freunde, verstecktem Neid, Schweigen oder einem mitleidigen Blick, denn der eine oder andere ist sich sicher: Oh, my God, der Junge hat einen Burnout. Ich darf allen versichern: mir geht es gut! Ja, ich arbeite gerne und ich neige dazu, relativ viel zu arbeiten. So weit, so gut. Was nun wirklich nicht gut ist, ist das ich meine Familie im Stich gelassen habe im letzten Jahr. In einem Jahr, in dem ich aufgrund des Familienzuwachses mehr denn je hätte da sein sollen. Mein 80% Pensum – ursprünglich angedacht als Entlastung für Janine bzw. als Vatertag – entpuppte sich als Reinfall. Mein Ziel, als Vater da zu sein und die «gemeinsame elterliche Sorge» tatsächlich auch zu leben, habe ich 2018 über weite Strecken verfehlt. Das stimmt für mich nicht und es stimmt für meine Familie nicht. Ich möchte von meinem 2-jährigen Sohn nicht mehr nur als «Papi saffe» bezeichnet werden (er arbeitet noch am «sch»), sondern nur als Papi. Ich bin doch kein Tun-Wort. Sluss, Ende, Fertig.

So ist es nun dazu gekommen, dass wir dieses 5-monatige Projekt in Angriff nehmen können – wohl auch deshalb, weil mein Chef selber zwei kleine Kinder hat und über die Herausforderungen, die damit einhergehen, einiges zu berichten weiss. Trotzdem: dass solch ein unbezahlter Urlaub von einem Arbeitgeber toleriert wird, ist immer noch ein Sonderfall. Dabei macht es durchaus Sinn, dass man in dieser frühen Phase Zeit mit der Familie verbringt, denn es ist ehrlicherweise auch eine extrem belastende Zeit. Ich hege dabei keine «unsägliche Wut» auf die Schweizer Familienpolitik wie es meine Frau tut – schliesslich gibt es kein anderes Land auf dieser Welt, in der die Bevölkerung mehr Einfluss darauf nehmen könnte und offenbar stimmt es ja so – doch aus einer sehr persönlichen Warte würde ich, nebst dem Mutterschaftsurlaub und dem fehlenden Vaterschaftsurlaub, eine, zumindest teilweise finanzierte, Elternzeit von sagen wir sechs Monaten für sinnvoll erachten. Damit es gerecht bleibt, sollen die Kinderlosen von mir aus 6 Monate früher in Rente gehen, wobei das Rentenalter auf 70 bzw. 69.5 angehoben werden sollte – so oder so. Und sollte es dann doch keine Jobs geben für die Senioren, so sollte man sie in der Verteilung von Parkbussen einsetzen und zwar mit einer Gewinnbeteiligung von 10%. Man stelle sich vor, was man damit erreichen könnte!

Aber zurück zu unserer Auszeit. Arbeitstechnisch ist der Startpunkt nie der Richtige. Die Übergabe zu kurz, die Pendenzen zu gross und das schlechte Gewissen zermürbend. Trotzdem, es muss los gehen. Leider mit einem Fehlstart, denn ich starte die Auszeit mit einer Nacht im Kinderspital Basel. Jakob hat einen fiesen Virus erwischt und muss bleiben. Vincent hat den Virus auch, doch er darf nach Hause.

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Jakob wird von zahlreichen Personen betreut, hat aber langsam genug!
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Das ist nicht unser Jakob!

Die Kinder erholen sich nach wenigen Tagen und ich beginne langsam zu realisieren, dass es wirklich schon begonnen hat. Papi nid saffe. Ich bin jetzt da. Habe ich frei? Bin ich frei? Mit Kindern nie! Aber ich wünsche mir, dass wir näher zusammen rücken, dass wir Zeit für uns finden, dass ich aber auch Zeit für mich finde und dass wir ganz viel erleben, an das wir uns ein Leben lang erinnern werden. Wir schreiben den 7. Mai 2019, den Tag unserer Abreise. Ich wiege 75,2 kg, der Kilometerstand im Auto zeigt 47’437km und konditionell befinde ich mich mit knapp 4’000 Schritten am Tag im Jahr 2018 auf einem absoluten Tiefpunkt. Wer weiss, wie das alles nach fünf Monaten aussieht. Ansonsten: Ehe läuft, Kinder gesund. Auf ins Abenteuer!

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Ich will jetzt los!

 

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Schnell, sonst kehrt meine Laune
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Alles drin!

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