Zugegebermassen, Odense wird wohl nicht so schnell ins Top 100-Ranking der meistbesuchten europäischen Städte aufsteigen. Es gibt hier nicht die ganz grossen historischen Bauten oder die grossen Wagnisse moderner Architektur. Es ist nicht die Stadt endloser Partynächte oder eine Hochburg europäischen Kulturschaffens. Aber es gibt doch Einiges zu sehen und zu tun und mit zwei kleinen Kindern schaffen wir es nicht einmal, das vorhandene Angebot anständig auszukosten. Uns geht es ja eigentlich auch nur darum, zu erfahren, wie sich das Leben in einer durchschnittlichen dänischen Stadt anfühlt. Einfach mal ein wenig Däne sein und das Land auf uns wirken lassen.

Odense ist die drittgrösste Stadt Dänemarks und fühlt sich ein wenig an wie Los Angeles (das sage ich, obwohl ich bisher noch nie in Los Angeles war). Ein riesiges Stadtgebiet mit wenig Zentrum. Das Zentrum ist hübsch und Janine leuchten die Augen beim Anblick verschiedener skandinavischer Modeketten, doch insgesamt bleibt es sehr überschaubar. Es ist ruhig hier, friedlich, fast schon langweilig. Es gibt keine Trams, keine U-Bahn. In all den Tagen habe ich kein einziges Polizeiauto gesehen. Insgesamt aber etwa zehn Taxis, wovon acht beim Bahnhof stehend. Mir sind etwa zwei Hotels aufgefallen und zwei Bed & Breakfasts – wahrscheinlich gibt es mehr. Daneben gibt es viel Grün. Wirklich viel Grün mit grosszügigen und sehr gepflegten Parkanlagen. Und dann eben unendliche Flächen von Wohngebiet. Ich habe das Gefühl, dass hier 80% der Menschen in Häusern leben – und zwar sehr oft in sehr prächtigen Häusern. Und wenn sie mal nicht so gross und prächtig sind, dann sind sie zumindest sehr geschmackvoll und hübsch anzuschauen. Wer hier in Wohnungen lebt, muss wohl ein Sozialfall sein; und für die zehn Obdachlosen, die wir hier gesehen haben, wurde in einem kleinen Park ein nettes Plätzchen mit Sitzgelegenheit zum Biertrinken eingerichtet. Fast schon hätte ich mich – da es so gemütlich schien – dazugesellen wollen.



Wir fühlen uns auf jeden Fall wohl hier. Wenn man ein neues Land entdeckt, so fallen einem immer kleine Dinge auf, die anders sind als zu Hause. In Dänemark sind es zumeist Sachen, die man am liebsten gleich kopieren und mit nach Hause nehmen möchte. Da wären zum Beispiel die grosszügigen Velowege. Es ist sehr angenehm, hier mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Sollte einem mal die Luft im Pneu ausgehen, gibt es direkt am Veloweg immer wieder mal auch eine Pumpstation. Was mir auch sehr gut gefällt: wenn man die Pfandflaschen in den Laden zurück bringt, so kann man dort nicht nur den Sack entsorgen, den man für den Transport der Büchsen und PET-Flaschen verwendet hat, sondern auch gleich noch die Hände im Lavabo waschen. Im engen Treppenhaus des Parkhauses beim Bahnhof sind in den Ecken Spiegel angebracht, so dass man stets ums Eck sehen kann und weiss, ob einem jemand entgegen kommt. Im Stadtzentrum, in einer Strasse mit einigen Cafés, steht mittendrin ein kleiner Spielplatz, so dass man in Ruhe seinen Kaffee geniessen kann ohne sich um die Kinder kümmern zu müssen. Wickeltische und Kinderstühle sind zudem eh Standard in den Restaurants. Vieles ist so praktisch und pragmatisch und obendrauf sind alle Leute sehr freundlich und hilfsbereit. Es ist wunderbar!


Etwas mühsam einzig die Erfahrung im Parkhaus – allerdings auch nur als Neuling. Erst denkt man sich, das Parking sei kostenlos, da man kein Ticket ziehen muss, dann aber liest man auf der dänischen Infotafel, dass es sehr wohl kostenpflichtig ist und die Bezahlung über eine App zu laufen hat. Mir schwant Böses: nur kurz herunterladen, registrieren, Passwort mit zwölf Sonderzeichen festlegen, via Email schnell bestätigen und schon hast du’s! CHF 50 Roaming Gebühr futsch, doch dann ist es wirklich sehr easy. Gut, haben wir herausgefunden, dass doch noch eine alternative Zahlmethode im Angebot war – und zwar an einer kaum auffindbaren Zahlstation im Irgendwo. Dort muss man dann nur noch seine Autonummer eingeben und die Kreditkarte zücken und damit basta. Gut, dass wenigstens ich meine Autonummer (meistens) kenne.
Ähnlich auch die Erfahrung in der Snackbar des Eisenbahnmuseums. Die Bezahlung war nur möglich gegen dänisches Cash (nix Euro) oder via App. Von der App habe ich noch nie etwas gehört und da mir vor dem Registrierungsprozedere graute, habe ich mich für die Cash-Option entschieden, obschon wir bisher prima ohne Bargeld ausgekommen sind. D.h. nur schnell raus aus dem Museum, irgendwo einen Bankomaten finden, 1’000 Kronen raus lassen, der Bank eine Gebühr von CHF 6 erlauben, meiner Bank auch noch etwas übrig lassen und husch wieder zurück, damit wir endlich das latschige Stückchen Pizza und den Sauce-freien Salat bezahlen können. In solchen Momenten frage ich mich immer, wie wohl ein 80-Jähriger solche Situationen meistert und bekomme Angstzustände, wenn ich an die technischen Errungenschaften und Erleichterungen denke, die uns dann mit 80 begegnen.


Technische Errungenschaften, die keine Sau braucht und die mich jetzt schon überfordern, sind ja z.B. auch in modernen Küchen und Badezimmern anzutreffen. Unter anderem auch in unserem Tauschhaus. So lässt sich hier z.B. der Dampfabzug nur mit einer Fernbedienung steuern, wobei die Fernbedienung so nahe an den Dampfabzug gehalten werden muss, dass man von «Fern» wahrlich nicht sprechen kann. Am Herd gibt es irgendwelche Sensoren, die die Temperatur der Pfanne erkennen und somit beim Kochen helfen sollen, doch sie sind so ungenau, dass man sie besser gar nicht zum Einsatz bringt. Die Sensoren zur Betätigung des Wasserhahns sind auch nicht die grossartigste Erfindung, zumal man die Armatur ja doch bespritzt wenn man Kalt- und Warmwasser regeln will.
Aber es stört nicht, denn wir haben unser neues Zuhause vom ersten Tag an ins Herz geschlossen. Es wurde in den 40-er Jahren gebaut und wirkt doch so modern. Beeindruckend sind die riesigen Fenster, die Treppen-«Halle», der Garten, die geschmackvolle Einrichtung mit den vielen, sehr praktischen Dingen, die wir hier so entdecken. Wir sind begeistert, entzückt und sicher, dass das nicht unser letzter Haustausch gewesen ist!
Hygge und Lykke halt