Wir brauchen Zeit. Ganz dringend. Seit unser Jüngster auf der Welt ist – und das ist bald zehn Monate – hatten wir keine einzige Woche, um gemeinsam dem Nichts zu frönen. Kein Wochenende ohne Laptop und Geschäftstelefon, ohne Mails und Verpflichtungen. Nein, nicht einmal direkt nach der Geburt. Immer war da die Arbeit. Und wir arbeiten gern. Aber jetzt brauchen wir erst einmal Zeit für uns.
Angefangen hat das Ganze damit, dass mein Liebster einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieb und wir wenige Tage später einen positiven Schwangerschaftstest auf dem Tisch liegen hatten. Da dachten wir schon, dass das ein etwas anstrengendes Jahr werden dürfte. Dass es dermassen grauenhaft werden würde, war uns glücklicherweise nicht bewusst.
Schwanger zu sein mit einem eineinhalbjährigen Buben zu Hause, einem Job und einem Mann, der jede Woche mehrere Tage im Ausland und nie vor 22 Uhr zu Hause ist, hat mich oft an meine Grenzen gebracht. Neben Arbeit, Kleinkind, Haushalt und Babyvorbereitungen gab es – wir sind manchmal etwas irre – noch eine Hochzeit zu planen, die zwei Monate nach der Geburt stattfinden sollte.
Neben der Müdigkeit breitete sich still und leise eine unsägliche Wut auf die Schweizer Familienpolitik aus.
Wie ich das Ganze geschafft habe? Keine Ahnung. Denn als dann das Baby da war, wurde es natürlich keineswegs besser. Drei Tage Vaterschaftsurlaub hatte mein Mann. Jeden Tag kam er mich mit dem Grossen im Spital besuchen. Einen Tag nachdem ich mit dem Winzling nach Hause kam, ging er wieder arbeiten. Sein Arbeitspensum war dermassen hoch, dass er sich keinen weiteren Freitage leisten konnte. Erst viel später erfuhr ich, dass er, während ich im Spital lag, sämtliche Nächte durchgearbeitet hatte. Neben der Müdigkeit breitete sich still und leise eine unsägliche Wut auf die Schweizer Familienpolitik aus.
Ich steckte fest zwischen Windeln, Wäschebergen, Hormonen und bald auch schon wieder Arbeit. Ich räumte auf, stillte, putzte, trocknete Tränen, trug Kinder umher, stillte, kochte Babybrei, wickelte im Akkord, wischte Kotze weg, stillte und wenn mal beide Buben schliefen beantwortete ich Mails, schrieb Texte und organisierte Babysitter, um einen Arzttermin oder eine Sitzung wahrnehmen zu können. Und nein, auch der zweite Bub schlief nicht auf wundersame Art und Weise von Anfang an durch, leider. Auf das stundenlange Gebrüll vor dem Einschlafen folgte ein gesunder Appetit in regelmässigen Abständen die ganze Nacht hindurch. Manchmal weinte ich auf dem Klo.
Von wegen Gleichberechtigung und so. Hähä.
Irgendwann war es einfach zu viel. Ich war müde, überfordert und fühlte mich alleingelassen. Nach einem Eklat mit viel Gebrüll auf allen Seiten sagte ich zu meinem Liebsten: «Es muss sich etwas ändern. Sofort. Ich schaff das alles nicht mehr alleine und ich will es auch nicht mehr alleine schaffen müssen.» Ich zog die Notbremse. Und mein grossartiger, loyaler Mann machte mit. Auch er hatte sich das Familienleben anders vorgestellt. Zudem hatten wir das Ganze im Vorfeld natürlich komplett anders geplant. Von wegen Gleichberechtigung und so. Hähä.
Also suchten wir nach einer Lösung, um zur Ruhe zu kommen. Um zusammenzuwachsen, um uns zu erholen. Schnell war klar: Wir brauchen eine Auszeit. Familienzeit. Wie sie in anderen Ländern gang und gäbe ist. Weil ein Kind nicht einfach zur Welt kommt und – zack – alles geht weiter wie bisher. Weil die Ankunft eines Menschen Zeit zur Eingewöhnung braucht, für alle Beteiligten. Auch für den Vater. Und weil unsere beiden wunderbaren Buben Eltern verdient haben, die Zeit für gemeinsame Abenteuer haben.
Man wünscht keiner Familie, die man gut kennt, dass es so weit kommt, dass man die Notbremse ziehen muss.
Aber man würde allen Familien, die man gut kennt, wünschen, dass sie es merken, wann die Notbremse gezogen werden muss. Und man wünscht ihnen, dass sie dann auch noch den Mut haben, aus dem Zug auszusteigen und sich ein passenderes Fortbewegungsmittel zu suchen. So wie Ihr.
Machts gut, findet zueinander, liebt euch und bis bald
Lg
Martin und Martina
Ihr Lieben!
Wir danken euch! Schön, dass Ihr virtuell mit uns reist… bis hoffentlich bald – herzlich, Janine, Tom, Jakob & Vincent